„Ey Christian! Heute drei Punkte, ne?“

Foto: Werner Scholz

Moin Christian. Bei Amtsantritt 2013 hast Du den SV Meppen wie einige Deiner Vorgänger als „schlafenden Riesen“ bezeichnet, später dann einmal öffentlich gesagt, dass im Verein das Feuer fehlen würde, das in Dir brennt. Was hat sich seitdem getan?

Den Satz hat damals im Verein nicht jeder gut gefunden. Aber so bin ich. Wenn mir etwas auf der Seele liegt, muss es raus. In der ersten Saison waren wir oben dran, hatten einen guten Kader, mussten dann aber im Winter den Etat kürzen. So oder ähnlich hatten wir jedes Jahr Problemchen, wegen der wir nicht richtig vorangekommen sind. Ja, mir hat das Feuer im Verein gefehlt, das heute da ist, bei allen Beteiligten. Man sieht erst jetzt so richtig das Potential des Vereins: Bei Zuschauerzahlen, Fans, Stadion und so weiter.

Wie erlebst Du das Zuschauerinteresse, dass nach fast 20 Jahren Amateurfußball in der Region nahezu explodiert ist?

Wir haben drei Kategorien von Fans. Diejenigen, die schon in der Regionalliga auswärts mitgefahren sind und den Verein hochgehalten haben. Daneben kommen wieder Familien ins Stadion, Väter und Mütter mit ihren Kindern. Die Kids haben Bock auf uns, identifizieren sich, tragen Meppen-Trikots und nicht die von Bayern oder Dortmund. Und dann die Zuschauer, die eher zu den Highlights kommen. Eindrucksvoll war das im vorletzten Jahr: In Lotte waren 4500 dabei, in Wiesbaden keine 500, die aber lauter waren als die vielen Leute in Lotte. Alle Fans sind wichtig. Doch besonderen Wert legen wir auf den harten Kern, der uns immer unterstützt hat

Es wirkt, als seist Du in Deinen sieben Jahren beim SVM trotz Deines Ehrgeizes ausgeglichener und lockerer geworden. Hast Du Dich verändert?

Euren Eindruck bestätige ich zu 100 Prozent. Ich habe mir früher selber zu viel Druck gemacht, habe vieles persönlich genommen, war schnell auf 180. Wenn die Mannschaft schlecht gespielt hat, hatte ich das Gefühl, dass ich selber schlecht war. Ich wollte mit dem Verein schneller vorankommen und den Erwartungen der Fans gerecht werden. Jetzt bin ich entspannter, auch gegenüber der Mannschaft. Vor ein paar Jahren hätte ich bei einem 1:5 zur Halbzeit im Test gegen Vaduz (im Trainingslager, die Red.) Scheiben eingeschlagen. Ungemein geholfen hat mir die Ausbildung zum Fußballlehrer.

Inwiefern?

Mit fast 50 Jahren noch einmal die Schulbank zu drücken, hatte einen unheimlichen Lerneffekt. Nach Rainer Zietsch (heute Co-Trainer Würzburger Kickers) war ich der Älteste im Lehrgang. Ansonsten waren fast nur jüngere Leute dabei, die zum Teil aus dem Studium kamen. Wir wurden von Beginn an durch die Ausbildung geführt. Das heißt: Wie lerne ich strukturiert? Wie bereite ich mich auf die Prüfungen vor? Wie vereinbare ich Lernen und die Arbeit als Drittligatrainer? Das musste ich strukturiert angehen, Zeiten zum Lernen einplanen. Diese Strukturierung habe ich in meine tägliche Arbeit als Trainer mitgenommen.


„Als ich den Fußballlehrer bestanden hatte, war ich überglücklich“


Wie anstrengend war die Zeit?

Es waren zehn intensive Monate. Gerade am Anfang war es hart. Denn es war ja nach dem Aufstieg noch der Klassenerhalt zu wuppen. Es war der letzte Lehrgang unter der Leitung von Frank Wormuth und wahrscheinlich der härteste Lehrgang aller Zeiten. Ich wollte den Fußballlehrer unbedingt machen, wollte das schaffen. Und habe mir auch selber Druck gemacht. Als ich erfahren habe, dass ich mit der Note 2 bestanden habe, war ich überglücklich.

Hast Du durch die Ausbildung zum Fußballlehrer etwas an Deiner Arbeit auch nachhaltig verändert?

Wir haben im Rahmen der Ausbildung Trainingseinheiten per Video aufgenommen und dann als Gruppe analysiert. Die Arbeit mit Videoanalysen, das Sprechen vor Gruppen, das Vorbereiten und Halten von Präsentationen, den Umgang mit der Presse: Ich habe unheimlich viel gelernt und mitgenommen. Andererseits glaube ich nicht, dass ich mich als Mensch verändert habe. Ich will mich auch nicht verbiegen lassen.

Du bist 51 Jahre alt, hast den Fußballlehrer gemacht, den SVM in der 3. Liga etabliert. Andere Vereine werden sich mit Deinem Namen als möglichen Trainer beschäftigen. Denkst Du nach über Deine weitere Karriereplanung?

Eine Karriereplanung gibt es in unserem Job nicht. Ich habe als Trainer alles gemacht - von der Arbeit im Jugendbereich über die Bezirks-, Ober- und Regionalliga bis in die 3. Liga. Das war nicht geplant, sondern kam Schritt für Schritt, ergab sich teilweise automatisch. Ich darf behaupten, dass ich am Ende auf allen Stationen erfolgreich war. Der SV Meppen hat mir die Chance gegeben, bei einem tollen, ambitionierten Verein zu arbeiten.

Und Du bist hier weit mehr als „nur“ Trainer…

Absolut. In Zusammenarbeit mit Heiner Beckmann machen Mario (Neumann) und ich die Kaderplanung, führen Gespräche mit Spielern, bereiten Dinge für die Entscheidung bzw. Freigabe durch den Vorstand vor. Aber wichtig ist, dass der Verein mir signalisiert: Unser gemeinsamer Weg ist noch nicht zu Ende. Es darf kein Stillstand einkehren. Wir müssen Ziele haben, uns stetig verbessern wollen. Wir haben bewiesen, dass wir einen Kader zusammenstellen können, der die 3. Liga hält, haben Spieler weiterentwickelt und besser gemacht.

Benni Girth, Nico Granatowski oder Deniz Undav: Gibt es ein Erfolgsrezept, Spieler mit Potential in die Spur zu bringen?

Welche Eigenschaften als Trainer dafür genau wichtig sind, weiß ich gar nicht. Sicher bin ich ein Mensch, der auch viel Drumherum macht. Ich halte Kontakt zu Spielern, die für uns interessant sind und habe einen guten Draht zu ehemaligen Spielern. Wie „Grana“ oder Julian von Haacke, die vielleicht auch mal einen väterlichen Rat suchen.


„Leo, mach Dir nicht ins Hemd“


Was ist Dir wichtig in der Arbeit mit den Spielern?

Totales Vertrauen in sie zu setzen. So, als ob sie meine Söhne wären. Die Jungs wissen aber auch, dass der Ton rauer werden kann, wenn sie Spielregeln nicht einhalten. Am Ende muss immer Leistung stehen.

Leo Bredol, Ted Tattermusch, Matthis Harsman: Spieler aus dem Jugendleistungszentrum kommen hoch. Ist die Durchlässigkeit eine andere geworden?

Ein spannendes Thema. In meiner Anfangszeit wurde in der Zusammenarbeit zwischen Jugend und den ersten Herren viel übereinander gesprochen. Heute sprechen wir miteinander. Wir haben mittlerweile im JLZ gut ausgebildete Trainer. Und dort mit Dieter Barlage jemanden an der Spitze, der Strukturen schaffen will und kann. Wir wollen jedes Jahr möglichst zwei Spieler aus der Jugend im Herrenbereich einbinden. Für den professionellen Fußball müssen die Jungs aber Grundvoraussetzungen mitbringen.

Dass Leonard Bredol in Zwickau von Beginn an spielen durfte, kam überraschend.

Einige hatten ihn gar nicht so richtig auf dem Zettel. Wir haben ihn gegen Viktoria Köln reingehauen und immer zu ihm gesagt: Wenn sich Hassan (Amin) verletzt, spielst Du. Dann musst Du die Zusage einhalten. Sonst wirst Du unglaubwürdig. Vor dem Spiel in Zwickau, als klar war, dass Hassan nicht dabei ist, haben wir ihm gesagt: Leo, mach Dir nicht ins Hemd: Samstag spielst Du von Anfang an.


„Schatz, wir müssen etwas ändern“


Du hast in den letzten Monaten zehn Kilo abgenommen, bist sichtlich schlanker geworden. Gab es einen Auslöser?

Ich habe Fotos von mir gesehen, bei denen ich mir gesagt habe: Du musst dringend etwas tun. (Lacht.) Dass ich als eigentlich vorher immer schlanker Typ zugelegt hatte, war vielleicht auch dem geschuldet, dass man den ganzen Tag unter Strom steht, Gespräche führt mit Spielern oder Sponsoren und dann zu Tageszeiten isst, die nicht ideal sind. Irgendwann habe ich zu meiner Frau gesagt: „Schatz, wir müssen etwas ändern. Ich muss ein paar Kilo runterkriegen.“ Ich wollte nicht der dickste Trainer der 3. Liga werden. Die Qualität der Arbeit als Trainer ändert sich nicht dadurch, dass du zwei Kilo mehr oder weniger wiegst. Aber ich habe auch eine Vorbildfunktion. Und, ja: Ich will auch nach außen auf das Erscheinungsbild achten. Dass auf dem Markt der Trainer auch andere sehen: Der hat diese Disziplin, gewisse Sachen zu erkennen und daran zu arbeiten.

Das Interesse an Deiner Person ist nach dem Aufstieg sprunghaft gestiegen. Gibt es eigentlich eine Frage, die Du nicht mehr hören kannst?

„Warum kriegen so wenige Jugendspieler eine Chance?“ Ich bekomme vermehrt Einladungen zu Veranstaltungen. Die nehme ich auch gerne an, weil ich dann einen vielleicht falschen Eindruck richtigstellen kann. Manchmal haben die Leute, die meckern, nicht den tiefen Einblick, kennen die Jugendspieler teilweise gar nicht. Und mittlerweile habe ich einiges an Futter, um mit Beispielen gegenzuhalten. Darüber haben wir ja gerade gesprochen. Was ich noch oft höre, ist: „Ey Christian, heute drei Punkte, ne? Ich habe schon darüber nachgedacht, mir ein T-Shirt mit dieser Frage und „Selbstverständlich!“ als Antwort darauf als Aufdruck anfertigen zu lassen…